Mein Freund wohnt im Telefon

Die Telefonleitungen glühen, die Rechnung steigt ins Unermessliche. Jedes Wochenende auf Achse, um den geliebten Menschen im Arm zu halten – für viele ist das nicht gerade ein verlockendes Szenario. Trotzdem: Beziehungen auf Distanz können wunderbar funktionieren, wenn man mit ihren Tücken umzugehen weiß.

Katja (34) studiert mal wieder die Angebote der Fluggesellschaften. Immer auf der Suche nach einem billigen Flug nach Helsinki, wo ihr geliebter Veikka (39) auf sie wartet. Vor einem Jahr lernten sich die Unternehmensberaterin und der Sales Manager bei einem Geschäftsessen in Hamburg kennen. “Es hat sofort gefunkt”, erinnert sich Katja, “ich habe mir aber erst mal verboten, darüber nachzudenken. Immerhin wohnt er in Helsinki. Da setzt man sich nicht mal eben ins Auto und fährt übers Wochenende hin.” Die beiden entschlossen sich dann aber doch, es miteinander zu versuchen. Seit einem Jahr pendeln sie nun schon zwischen Finnland und Deutschland hin und her, kein Ende in Sicht. “Wir müssen bald darüber sprechen, wie es mit uns weitergeht”, das weiß Katja genau. “Auf lange Sicht ist das kein Zustand.”

Immer auf Achse

Das Problem ist bekannt: Zur Überbrückung größerer Entfernungen benötigt man eine Menge Zeit und Geld, ein leichtes Unterfangen ist das Ganze fast nie. Marc (33) und Nicole (28) pendelten jahrelang zwischen Aachen und Berlin hin und her. “Irgendwann ging das an die Substanz”, erzählt Marc, der fast jedes Wochenende etliche Stunden auf der Autobahn verbrachte, um zu seiner Liebsten nach Berlin zu kommen. “Ich war nur noch gehetzt, fühlte mich immer irgendwie unter Zeitdruck.” Im Frühjahr entschloss sich Nicole, ihren Job als Webdesignerin in Berlin zu kündigen und zu Marc nach Aachen zu gehen. Andernfalls hätte die Beziehung wohl nicht überlebt. Diplom-Psychologe Peter Bergholz kann das nur bestätigen. Seinen Erfahrungen zufolge hält eine Beziehung auf Distanz zirka zwei Jahre, dann sollte eine Änderung eintreten.

Zeit ist ein Trip

Problematisch ist aber nicht nur das ständige Unterwegssein. Die gemeinsame Zeit ist knapp und kostbar, will deshalb gut geplant und optimal genutzt sein. Viele Paare überfordern sich mit zu hohen Erwartungen an das Zusammensein. Dauernd muss kalkuliert werden, wann und wo man sich sieht – und was man dann unternimmt. Da bleibt wenig Raum für Spontaneität, was auch Katja und Veikka bisweilen beklagen. Oft will schon Wochen vorher überlegt sein, ob man einen gemeinsamen Kuschelabend dem geselligen Essen bei Freunden vorzieht. Zum Glück ist emotionale Nähe nicht unbedingt an räumliche Nähe gebunden, mit Offenheit und Experimentierfreude lässt sich auf vielerlei Weise Nähe schaffen. Besonders gemeinsame Rituale tragen dazu bei, auch Paaren in einer Distanzbeziehung die Möglichkeit zu geben, Kontinuität und Verbundenheit zu erleben.

Freunde fürs Leben

Neben der Partnerschaft wollen auch Freundschaften gepflegt sein. Gar nicht so leicht, wenn man jedes Wochenende für den sonst so fernen Partner reserviert. “Dauernd war ich in Berlin”, erzählt Marc, “meine Freunde habe ich schließlich gar nicht mehr gesehen.” Irgendwann riefen seine Bekannten nicht mal mehr an, denn für Kneipentouren oder andere Unternehmungen hatte Marc ja sowieso keine Zeit. Häufig ist es auch kaum möglich, mit der Wochenend-Liebe einen gemeinsamen Freundeskreis aufzubauen. Hier lauert einer der typischen Fallstricke in einer Distanzbeziehung. Beide Partner sollten unbedingt darauf achten, auch außerhalb der Beziehung Freundschaften zu pflegen und soziale Kontakte nicht gänzlich abreißen zu lassen.

Allgemeine Beziehungsbedingungen

Wenn eine Beziehung von vornherein als Liebe auf Distanz startet, wird der Mangel an gemeinsamer Zeit oft als besonders schmerzlich empfunden. Denn schließlich muss man sich gegenseitig erst ausloten, gemeinsame Bedürfnisse und Eigenschaften erkunden. Hier gilt es, offen über alles zu sprechen. Um zwischen den Zeilen zu lesen und versteckte Botschaften zu entschlüsseln, reicht die Zeit häufig nicht aus. Erstaunlich und zumindest ein Trost: Oftmals sind aber ausgerechnet Partner in Fernbeziehungen viel besser als andere in der Lage, ihre Wünsche und Bedürfnisse zu formulieren und zu kommunizieren. Wahrscheinlich einfach deshalb, weil mehr darauf angewiesen sind – oder es klappt überhaupt nicht.

Licht am Ende des Tunnels

Astronomische Telefonrechnungen und immense Reisekosten sind die eine Seite der Fernbeziehung. Ebenso vorprogrammiert ist natürlich auch die ständige Sehnsucht nach dem anderen. Der Partner kann einen eben nicht in den Arm nehmen, wenn der Tag im Büro mal wieder nervig war, nicht von Angesicht zu Angesicht die Freude über kleine Alltäglichkeiten teilen. Für eine Fernbeziehung braucht man also Geduld und viel Kraft. Psychologe Bergholz sieht das ganz realistisch: Langfristig funktionieren kann eine Fernbeziehung nur, wenn es eine gemeinsame Perspektive gibt. Aber die Distanz bietet auch Chancen: “Wenn ich Veikka sehe, ist das immer wie ein Fest”, freut sich Katja. Für Alltagsfrust bleibt bei so viel Besonderheit wenig Platz. Und für eine Weile ist das doch eigentlich auch ganz schön …

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